Fitness-Studios

Daß man es als Bodybuilder nicht nur zu ansehnlicher Muskelmasse, sondern sogar zum kalifornischen Gouverneur bringen kann, wissen wir seit Arnold Schwarzenegger. Das ist jedoch nicht der Grund für den Boom der Fitneß-Studios, der vielmehr an einem veränderten Körper- und Gesundheitsbewußtsein vieler Menschen liegt. Die strömen nicht mehr in die »Muckibuden«, um einen vermeintlichen Idealkörper heranzuzüchten, sondern – wie es das Wort ja nahelegt – um etwas für ihre Fitneß zu tun. Vorbei die Zeiten, als man mit Fitneß-Studio-Benutzern wandelnde Bizepsberge assoziierte. Was mal als etwas abseitig galt, ist völlig normal geworden. Das liegt auch daran, daß die Angebotspalette der Fitneß-Studios sich erweitert und die dort herrschende Atmo-sphäre zum gediegenen Allround-Erlebnis gewandelt hat. Die Ur-Bodybuilder finden inzwischen weniger Anlaufpunkte und gehen in eigene, spezialisierte Läden.

Auch die Altersstruktur hat sich verändert: Lag das Durchschnittsalter der Besucher Mitte der achtziger Jahre noch bei fünfundzwanzig, nutzen heute »Best Ager« um die vierzig die Studios. Es sind Menschen, die auf ein gutes und gesundes Leben setzen, etwas für ihren Körper tun wollen und Gesundheitsprävention betreiben – angesichts der Entwicklung im Gesundheitswesen ein immer wichtigeres Vorsorge-Motiv. Ging man früher davon aus, daß es ab Ende dreißig körperlich bergab geht, haben inzwischen Menschen in den besten Jahren und auch Senioren erkannt, daß das Älterwerden nicht mit unvermeidlicher Passivität gleichzusetzen ist, sondern auch ein alternder Körper leistungsfähig sein und nach wie vor Lebensqualität und Spaß bereiten kann.

Das Ergebnis dieser Veränderungen ist ein ehrgeizfreies Klima, in dem es nicht um Leistung, sondern Wohlfühlen geht, darum, sich aus den Angeboten genau das auszusuchen, was man für sich tun will, ohne von außen vorgegebenen Normen entsprechen zu müssen. Auf der Basis eingehender Beratungsgespräche bieten die Studios individuell auf den jeweiligen Kunden zugeschnittene Programme an. Dabei entdecken Männer immer mehr die »weiblichen« Attribute der Fitneß, vor allem Möglichkeiten der Entspannung, während Frauen sich auf »Power« und Leistungsfähigkeit orientierten. Freilich bedeutet die Entwicklung nicht, daß Fitneß-Studios zu Seniorentreffs mutiert sind. Vielmehr hat sich das Altersspektrum der Studios auf einen Querschnitt der gesamten Bevölkerung erweitert. Nach wie vor kommen junge Leute, deren Motivation eher dem guten alten Body-Buildung und Krafttraining entspricht. Ihnen sind Lebensstil und körperliche Präsenz wichtig. Zu zeigen, was man vorzuweisen hat, ist dabei ein vorrangiges Motiv: ein frischer, dynamischer Auftritt, attraktive, sonnengebräunte, straffe Körper mit Tattoos und Waschbrettbauch ...

Die Differenzierung der Bedürfnisse hat inzwischen sogar zu einer Spezialisierung der Studios geführt. So existiert in Berlin ein zielgruppenorientiertes Studio für Manager, mit Handy-Halterungen an den Geräten, »Junior-Manager-Treffs« und Börsenzeitschriften in der Leseecke; in München gibt es ein auf die Altersgruppe bis einundzwanzig spezialisiertes Studio.

Immer größere Bedeutung kommt den Studios als Forum für kommunikative Gruppenerlebnisse zu. Für nur etwa ein Drittel der Besucher, so berichtet Thomas Hoffmann, Inhaber eines Studios in Sudheim, stehe ernsthaftes kontinuierliches Training im Mittelpunkt, ein Drittel trainiere ab und zu, komme aber auch, um Leute zu treffen, für ein weiteres Drittel gehe es fast ausschließlich um Klönen und Kaffeetrinken. Fast wie im traditionellen Sportverein können sich Gruppen bilden, die gemeinsame Freizeitaktivitäten erleben wollen. Kegelabende, gemeinsame Essen, sogar Reisen werden von den Studios angeboten, die sich nicht mehr damit begnügen können, Trainingsinfrastruktur und Personal zu stellen, sondern branchenübergreifende Dienstleistungen anbieten. Immer wichtiger werden Randgebiete, die mit Fitneß wenig zu tun haben. Sogar Nachhilfeunterricht kommt da als Angebot in Frage, Kinderbetreuung, Seminarangebote zu diversen Themen um Freizeit, Beruf und Familie, vor allem die Ernährungsberatung, die ein wesentlicher Aspekt von Gesundheit und Wellness ist. Dabei geht es nicht nur um gewichtsreduzierende, sondern grundsätzlich gesunde und bewußte Ernährung, für die sich ein eigener Markt an Produkten, Medien und Theorien entwickelt hat.

Ein typisches Beispiel für den Wandel der Fitneß-Kultur ist das Spinning. Saßen Leute, die sich auch im Winter fit halten wollten, früher allein auf dem Hometrainer und strampelten im Wohnzimmer oder Hobbykeller einsam ihre Kilometer ab, trifft man sich heute im Studio zum Spinning, dem gemeinsamen Indoor-Radfahren, bei angenehmer Musikuntermalung und motivierender Moderation des Trainers oder gar eines Dozenten, der Sprachkurse abhält, während seine Schüler radeln. Die Umgebung ist wichtig, vor allem aber die Aktivität in der Gruppe. Als Alleintrainierender muß man erhebliche Disziplin aufbringen, um regelmäßig zu trainieren. Fühlt man sich aber in eine Gruppe integriert und hat zudem im Vorfeld Kursgebühren bezahlt, wird man sich eher zum schweißtreibenden Radeln aufraffen – geteiltes Leid ist halbes Leid. Wenn man dann noch nebenbei Englischunterricht bekommen kann oder im branchenübergreifenden Angebot der Mitarbeiter eines Autohauses über den Wintercheck für’s Auto informiert, und man all das gemeinsam mit netten Leuten erlebt, ist die Motivation noch größer.

Kein Mensch braucht ja wirklich ein Fitneß-Studio. Alles, was man dort tun kann, läßt sich auch leicht im Freien oder daheim treiben. Doch für eine inaktiver werdende Gesellschaft, in der der Einzelne verstärkt auf Animation angewiesen ist, sind die Studios ein Segen. Sie reagieren auf die veränderten Lebensbedingungen: Immer mehr Menschen leiden unter Rücken-, Herz- oder Kreislaufproblemen, unter Streß und Erschöpfung. Entsprechend bieten die Studios all das an, was wir unter Wellness verstehen, zum Beispiel Entspannungsübungen wie Yoga in ganzheitlichen Ansätzen: Erst ein bißchen Muskulaturtraining, dann Übungen für Herz und Kreislauf, danach etwas Thai Chi, schließlich ins Solarium, die Sauna oder zur Shiatsu-Massage. Eine Wohlfühlsynthese aus Aktivität und Passivität. Das alles in angenehmem Ambiente. Körper und Geist sind ausgeruht und zufrieden.

Vermutlich zufriedener als die gestylten »Eisenfresser« mit ihren Muskelbergen. Vom kalifornischen Gouverneur ganz zu schweigen.

(Die freizeit arena dankt Thomas Hoffmann vom »gym 80 fitnessclub« in Sudheim für freundliche Unterstützung.)


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